Book review: “Weather” von Jenny Offill


Lizzie ist eine Bibliothekarin ohne traditionellen Studienabschluss, die sich dazu berufen fühlt und durch ihren Job in die Lage versetzt wird, anderen Menschen psychologischen Beistand zu geben. Als ihre frühere Mentorin und heutige berühmte Gastgeberin eines Klima-Podcasts, Sylvia, sie zum Beantworten der Zuhörer*innenpost einstellt, gerät ihre sorgsam stabilisierte Welt ins Wanken. Während sich Linke in den Zuschriften um den Klimawandel, und Rechtskonservative um den Niedergang der westlichen Zivilisation sorgen, stellen sich für Lizzie Herausforderungen in ihrer Ehe und in der Unterstützung ihres vormalig drogenabhängigen Bruders ein. Dies alles bekommt vor dem Hintergrund der Präsidentschaftswahl 2016 eine bedrohliche, im Privaten wie im Öffentlichen von Verlorenheit und Sicherheitsverlust gezeichnete Kulisse, die sich mit den diffusen Vorboten einer Klimakatastrophe vermischt.

Q: What are the best ways to prepare my children for the coming chaos?

A: You can teach them to sew, to farm, to build. Techniques for calming a fearful mind might be the most useful though.

Jenny Offill, Weather, p. 93

Mein Leseeindruck

“Weather” war eines der ersten Bücher, das ich mir gezielt mit dem Wunsch gekauft habe, climate fiction zu lesen, es durfte aber auch nicht science fiction sein oder in einer allzu fernen Zukunft spielen. Ich wollte mir den Klimawandel aus Sicht einer Person erlesen, die wie ich im Hier und Jetzt lebt.

Es hat dann überraschend lange gedauert, bis ich einen Zugang fand. Jenny Offill schreibt in einem stream of consciousness ähnlichen Stil aus Sicht der Protagonistin. In auf den ersten Blick nicht miteinander verbundenen kurzen bis mittellangen Absätzen baut sich die Handlung auf. Das macht es zu Beginn schwer, sich der Protagonistin anzunähern und einen Plot zu erkennen. Nach mehreren gescheiterten Anläufen hat es dann im Januar endlich “klick” gemacht – und ich habe es sehr genossen! Die Autorin webt sehr wohlplatzierte, sparsame Referenzen ein, die aus dem umfangreichen “Halbwissen” der Protagonistin zu kommen scheinen: Aus der Klimaforschung, aus dem Buddhismus, und aus indigener Lyrik. Auch die “Fanpost” von Zuhörer*innen des Podcasts findet ihren Eingang, die wiederum von Lizzie auf die ihr eigene Art und Weise aufgenommen und verarbeitet wird. Die Handlung ist tatsächlich eher langsam, es passiert eigentlich gar nicht viel, dafür hallen die Sätze und Gedanken von Lizzie sehr lange nach.

Lizzies Gedankengänge haben einen Hang zum Neurotischen, so wirkt sie häufig wie eine typische “New York City mom”, die sich zum Beispiel nicht traut, die Mutter eines Mädchens aus der Klasse ihres Sohnes anzusprechen, weil sie zum Einen deren Namen nicht kennt, und sich diese gerade mit anderen Müttern in einer fremden Sprache unterhält. Im gleichen Atemzug blickt sie kritisch auf die (weiße) Gentrifizierung, die in ihrer Nachbarschaft um sich greift, und scheint sich selbst damit vom Weißsein der anderen Eltern auf dem Spielplatz oder in der Schule ihres Sohnes auszunehmen. Sie will in zwischenmenschlichen Beziehungen oft gefallen und beeindrucken, vielleicht ein Ausdruck ihres angeknacksten Selbstwertgefühls aufgrund ihrer abgebrochenen Dissertation, während sie sich gleichzeitig in der Rolle als Außenseiterin wohlfühlt und sich bewusst ist, dass sie anders ist. Was sie auszeichnet und sympathisch macht, ist ihr trockener Humor, mit dem sie alles, auch ihre eigenen Handlungen kritisch betrachtet. Da man durch den Schreibstil der Autorin sehr nah an das Innerste von Lizzie kommt, ist mein Eindruck nach dem Lesen des Buches vor allem geprägt von ihrer Gedankenwelt und Perspektive. Ich fand es schön, dass sich dies alles jedoch nicht mit dem Holzhammer, und vollkommen ohne Erklärungen oder Einordnungen erschließt. Vieles an der Rahmenhandlung bleibt ebenfalls vage, während sich das beim Lesen einstellende Gefühl sehr eindeutig ist: Irgendwann, in der Zukunft nach dem Ende des Buches, wartet etwas auf Lizzie, und auf uns.

Welche Rolle spielt der Klimawandel?

Der Klimawandel wird vor allem durch Klima-Fakten thematisiert, die der Protagonistin einfallen, wenn sie ihrem Sohn beim Spielen zuschaut, und durch die Handlungsstränge rund um den Podcast und Gespräche mit ihrer Arbeitgeberin und akademischen Ziehmutter Sylvia. Dabei geht es nicht um große Szenarien, sondern um ein diffuses Gefühl davon, sich vor einer nahenden Katastrophe in Sicherheit bringen zu wollen, deren Dynamik und unmittelbare Auswirkung auf das eigene Leben man nicht einschätzen kann.

Diese Beschreibung passt vielleicht ganz gut auf die Situation, in der wir uns befinden: Vielerorts sind die Folgen des bisherigen Klimawandels noch nicht so dramatisch, dass wir uns unmittelbar bedroht fühlen. Wir leben unser Leben weiter mit all seinen Alltagssorgen und Herausforderungen, und nur, wenn wir uns darauf besinnen, aufmerksam auf die Anzeichen zu achten, nehmen wir wahr, dass sich etwas verändert. Kognitiv wissen wir, auf welchem Pfad wir uns befinden, aber es fällt uns noch schwer, dies mit unserem Leben und unseren Entscheidungen in Einklang zu bringen. Die Frage, die sich Lizzie stellt, und die uns gleichermaßen auch das Buch (nicht nur im Klappentext) stellt, ist: Was bedeutet es noch, sich um den eigenen Garten zu kümmern, wenn wir die Flammen hinter dem Gartenzaun schon erblickt haben?

Das Buch habe ich selbst bezahlt und in der englischen Ausgabe von Granta Books (UK) gelesen. Es ist erstmals 2020 bei Alfred A. Knopf (New York) erschienen. Die deutsche Übersetzung erscheint im April 2021 beim Piper Verlag.

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