Rezension: „Mond des verharschten Schnees“ von Waubgeshig Rice

Der Roman „Mond des Verharschten Schnees“ von Waubgeshig Rice hat einen nachhaltigen Leseeindruck bei mir hinterlassen. Zum Einen, weil es eines der raren Bücher ist, die nach dem Lesen einen Geruch in meiner Nase hinterlassen haben, eine Art Erinnerung an Gerüche und Geschmäcker, die man sich beim Lesen vorstellt, ähnlich wie Bilder, die vor dem inneren Auge entstehen. Zum Anderen juckt mich immer noch die Frage, was eigentlich der Auslöser für den Systemkollaps in diesem dystopischen Roman war, denn das wird bis zum Schluss nicht aufgeklärt – wir als Leser*innen wissen nicht mehr als die Protagonist*innen hoch im Norden eines nicht näher genannten kanadischen Territoriums.

Aber zurück zu der Sache mit dem Geruch. Wenn wir Europäer*innen uns den arktischen Schnee vorstellen, dann kommt auch ganz schnell der Gedanke an die mindestens 50 Wörter für Schnee, die die Inuit-Sprachen kennen. Das ist ein Klassiker der romantischen Vorstellungen, die wir uns machen, und der hat für chronisch schneearme Mitteleuropäer*innen auch immer etwas mit der Sehnsucht nach schönen Winterspaziergängen, Schlittenfahren und Schneeballschlacht zu tun. Doch der Schnee wird in diesem Buch zu einer stillen Naturgewalt, zu einer das grundsätzliche Problem der „Endzeitkatastrophe“ noch verstärkenden Gefahr. Dennoch habe ich als einen der prägnantesten Leseeindrücke den Geruch von eiskaltem, trockenen Schnee mitgenommen. Schnee, der noch keine Kruste hat, das ist wichtig, denn daran lässt sich die Jahreszeit, ja, der Monat, in dem wir uns befinden, ablesen. Schnee mit einer knackenden Oberfläche, verharschten Schnee, den gibt es erst im Februar und März, und bis dahin müssen die Diesel- und Nahrungsmittelvorräte einer vom Rest der Welt abgeschnittenen indigenen Gemeinschaft der Anishinaabe mindestens reichen.

Worum geht es?

Zu Beginn des Winters füllen die verantwortungsvollen Bewohner*innen des Dorfes hoch im Norden Kanadas ihre Vorräte auf, so auch die Familie des Protagonisten Evan Whitesky. Diejenigen, die noch wissen, wie man auf die Jagd geht, teilen ihre Jagdbeute mit denen, die das aufgrund jahrzehntelanger Unterdrückung der indigenen Bräuche und Kultur nicht mehr gelernt haben. Alle richten sich darauf ein, die kommenden Monate zwar mit früher Dunkelheit und Kälte zu leben, aber mittels moderner Kommunikationstechnologien mit der Welt verbunden zu überwintern. An einem Abend fallen zunächst die Satellitentelefone, dann der Strom aus, was nicht weiter ungewöhnlich ist. Als jedoch klar wird, dass alles für längere Zeit ausfallen und auch keine Lebensmittellieferungen an den Supermarkt mehr kommen werden, organisieren sich die Bewohner*innen um den Ältestenrat herum, der auch die Verteilung der Notvorräte für die kommenden Wochen übernimmt. Von jetzt an dominiert der Geruch von Holz- und Dieselöfen, vom rituellen Verbrennen des weißen Salbeis bei den Treffen der Dorfgemeinschaft, und der von Konservennahrung und den kleinen Vorräten, die sich jede Familie angelegt hat.

Doch dann erscheinen plötzlich einige weiße Menschen am Rande der Siedlung und bitten darum, von der Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Ihre Motive sind unklar, abgesehen von der offensichtlichen Krise im Rest der Welt, und ihr Gebaren erinnert leider zu sehr an das der frühen Kolonisatoren und der späten Landnehmer. Mit der Zeit wird ihre Anwesenheit zu einer Saat der Unruhe und des Streits in der Gemeinschaft, die sich sowohl gegen diese Invasion wehren, als auch mit einer ungewissen Zukunft und zunehmender Hoffnungslosigkeit auseinandersetzen muss.

Die Dystopie und das Klima

Der Auslöser der unbekannten Katastrophe, die viele hundert Kilometer entfernt vom Reservat und dem Dorf zu einem Zusammenbruch der Infrastruktur und Versorgungslage geführt hat, bleibt in dieser Geschichte im Dunkeln. Ob es eine klimatisch bedingte oder eine politische Krise ist, spielt für das Ergebnis keine Rolle: Die Abhängigkeit des Dorfes von der Versorgung durch ein System, was die Vorfahren der Bewohner*innen an diesen Ort zwangsumgesiedelt hat, wird durch dessen Zusammenbruch offengelegt. Anhand von Fragmenten aus der Familiengeschichte und Erinnerungen von Evan und anderen Figuren wird eindrücklich die Tiefe dieser Verletzungen und Traumata dargelegt.

Die Welt, in der sich die Handlung abspielt, ist klimatisch fragil. Durch zahlreiche Passagen, in denen zwar durchgängig verschneite arktische Winterlandschaft wie eine karge Mondlandschaft anmutend beschrieben wird, in der aber dennoch jahreszeitliche Veränderungen stattfinden, werden wir dem existenziellen Problem sehr nahe gebracht. Auch im vermeintlich „ewigen Eis“ sind Menschen und Lebewesen auf den Wandel der Jahreszeiten angewiesen. Der titelgebende verharschte Schnee ist hier eine Metapher für die herbeigesehnte Erlösung, die Ankündigung des Ende des Winters, er markiert jedoch gleichzeitg den Zeitpunkt, an dem die Dieselvorräte ausgehen werden. Was, wenn das eine, gefürchtete Ereignis vor dem anderen, dem erwünschten, eintritt? Was, wenn der Frühling ausbleibt? Und was für ein Frühling wird das werden? Wird die Gemeinschaft bis dahin überhaupt durchhalten?

Nicht zuletzt erleben wir hier, wie eine von der weißen Dominanzgesellschaft entwurzelte, abhängig gemachte, und schließlich sich selbst überlassene Gesellschaft um eine Zukunft für sich ringt. Die sich dabei sehr bewusst darüber ist, dass dies nur eine weitere Katastrophe ist, die ihnen von den weißen zugemutet wurde, und auf deren Ursache und Ausgang sie keinerlei Einfluss nehmen kann – außer ihr zu widerstehen.

„Wir sind immer noch hier. Und wir werden immer noch hier sein, auch wenn es keinen Strom und kein Radio mehr geben wird und wir niemals wieder irgendwelche Weißen zu sehen bekommen.“

S. 153

Eine Leseempfehlung

Waubgeshig Rice hat einen dystopischen, mit trügerischer Ruhe durchsetzten Roman geschrieben, in dem sich die Spannung langsam, aber bis zu einem dramatischen Ende konsequent aufbaut. Die Figuren sind interessant angelegt, wenn man den meisten auch nicht besonders nahe kommt – vielleicht ändert sich das mit der für 2023 angekündigten Fortsetzung (zunächst auf Englisch) und dem Wiedersehen mit der Familie des Evan Whitesky, der ich nach der Lektüre einfach nur eine hoffnungsvollere Zukunft wünschen kann. Die Fortsetzung würde ich aber auf Englisch lesen, da ich mit der Übersetzung nicht so ganz zufrieden war.

Eine Leseempfehlung für alle Fans von langsamen, post-apokalyptischen Dystopien, z.B. von Octavia E. Butler.

Ich habe das Buch selbst bezahlt und erhalte keine Vergütung für diese Rezension. Die deutsche Übersetzung aus dem kanadischen Englisch von Thomas Brückner ist 2021 im Verlag Klaus Wagenbach (Berlin) erschienen. Originaltitel: Moon of the Crusted Snow.

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