Rezension: „Das Vorkommnis“ von Julia Schoch

Eine autofiktionale Auseinandersetzung mit den Geheimnissen innerhalb einer Familie, die weit in die Vergangenheit reichen und die sicher geglaubten Beziehungen zu denen, die uns am nächsten stehen, infrage stellen.


Foto: Jelka Wickham

„Man kann den Leuten nicht erzählen, dass das Ungelebte, die Spekulationen und die Mutmaßungen das eigentliche Leben sind, das Leben, das manchmal ungleich schwerer wiegt als das, das man wirklich lebt.“

S. 126

Worum geht es?

In dieser autofiktionalen Erzählung setzt sich die Erzählerin, eine Schriftstellerin, mit einer verschwiegenen Adoption, Familiengeheimnissen, und ihrer Familienbiografie vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Geschichte auseinander. Dabei lenkt sie in bemerkenswerter Weise den Blick auf Korrekturen und blinde Flecken in der eigenen Biografie.

Auslöser ist das titelgebende „Vorkommnis“. Die namenlose Ich-Erzählerin wird auf einer Lesereise von einer ihr unbekannten Frau angesprochen; sie sei ihre Halbschwester väterlicherseits und vor der Geburt der Erzählerin selbst zur Adoption freigegeben worden. An diesem Punkt setzt eine puzzleartige Recherche in die Familiengeschichte ein, bei der sie nicht nur im schreibenden Sinne, sondern auch räumlich einen Schritt zurücktritt und die familiären Beziehungen unter die Lupe nimmt.

Was erzählen wir uns über uns selbst?

Wie spricht man in Familien über Glück, Angst, Beziehungsgeflechte, Erinnerungen, wenn es unzählige in Schubladen versteckte „Vorgeschichten“ gibt? Können wir uns dennoch auf Familienerzählungen verlassen? Und wichtiger: Wer sind wir wirklich, was ist das „eigentliche Leben“, das sich hinter den „Negativabdrücken“, wie bei einem Fotonegativ, in unserem sicher geglaubten Leben verbirgt? Können wir uns auf die Suche nach dem „richtigen“ Leben machen, oder ist bei diesem Vorhaben nur die Enttäuschung garantiert?

Spannende Themen, die viel aufrühren und in einer sachlichen, etwas zu kühlen, jedoch niemals der Illusion von Kontrolle erliegenden Prosa erarbeitet werden. Das Leben mit seinen Alltagsdramen geht weiter, während sich die Introspektion unerbittlich ihren Raum sucht. Man spürt, wie die Erzählerin versucht, sich diesen Raum zu nehmen und den Alltag, zeitweise ist sie als Dozentin an einer amerikanischen Universität beschäftigt, auszublenden und sich zu entfernen, um ihrer eigenen Geschichte näherzukommen. Als schreibende Frau mit zwei kleinen Kindern wird das auch zu einer ganz praktischen Herausforderung. Überhaupt spielen Frauenfiguren und ihre Enttäuschungen, unerfüllten eigenen Bedürfnisse, und das Zurückstecken zugunsten anderer eine große Rolle, und die Erzählerin begreift die eigene Betroffenheit besonders stark, wenn sie sich den Lebensweg ihrer Mutter vor Augen führt. Mit ihrer sie in den Auslandsaufenthalt begleitenden Mutter beginnt sie Gespräche über die Vergangenheit, begreift jedoch, dass trotz des zeitlichen Abstands zum Geschehen kein unabhängiger, schmerzfreier Rückblick möglich ist.

Das Thema des Reisens und Sich-Entfernens um der Selbstfindung willen wird von der Erzählerin auch vor dem Hintergrund ihres Aufwachsens in der DDR betrachtet. Sie beschreibt Szenen aus ihrer Jugend und als junge Erwachsene, in denen es sie wegzieht, zu einem anderen Ich. Oder wollte sie einfach nicht genau hinschauen müssen, auf ihre Wurzeln, wo sie eine neue Tatsache in ihre Biografie integrieren musste? Der Literaturstreit im wiedervereinigten Deutschland, als Unterrichtsthema für ihre Studierenden eingebracht, soll wohl zeigen, wie sehr auch weit zurückliegende Ereignisse die Arbeit und Identität einer schreibenden Frau heute noch beeinflussen können, aber ich habe die Verbindung zu ihrem Schreiben als zu vage empfunden. Die Wiedervereinigung selbst und ihre Folgen für die Kontinuitäten von sowohl gesamtdeutschen als auch familiären Erzählungen, und die verschwundenen Orte der Kindheit sind Ausdrücke einer bemerkenswerten Verbindung von räumlichen und biografischen dunklen Ecken, die ich hingegen für sehr gelungen halte.

Mein Leseeindruck

Mit der Fülle an Themen auf nur knapp 190 Seiten ist der Text relativ dicht geschrieben, auch wenn es eben nicht um die jeweiligen historischen Tatsachen, sondern um Wahrnehmungen und Einordnungen geht, was ihn vor einer Überladung schützt. Für meinen Geschmack ging der Versuch des Zurücktretens vom untersuchten Objekt jedoch ein bischen zu weit. Es fiel mir schwer, emotional Zugang zu finden. In der Sprache der Autorin wird die Distanz spürbar, um die sich die Erzählerin so sehr bemüht. Auch Deborah Levy, die ich vor kurzem gelesen habe, hat diesen Gedanken in mir ausgelöst: Zwischen schonungsloser, grundehrlicher Betrachtung und einer gesunden Distanz zu sich selbst besteht scheinbar keine Notwendigkeit zur Emotionalität, auch nicht in der Gegenübertragung bei den Leser*innen. Nicht ganz mein persönlicher Geschmack, leider. Vielleicht braucht es aber für einige Autor*innen gerade jene Distanz für diese Art von persönlicher, sich auseinandersetzender Literatur.

Insgesamt ein interessanter Text besonders für Fans von autofiktionaler Literatur. Stilistisch kommt es den schon erwähnten Autorinnen Deborah Levy und auch Rachel Cusk sehr nahe.

In Sachen Transparenz: Ich habe ein kostenloses Rezensionsexemplar über vorablesen.de erhalten. Das Buch erscheint am 16.2.2022 im dtv Verlag.

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