Rezension: „Die Feuer“ von Claire Thomas

Dies ist der Versuch einer Rezension in einer verstörenden Zeit, die mich so manches an meiner Normalität hinterfragen lässt. Gleichzeitig spüre ich den Wunsch nach Stabilität, die mir mein Alltag und die angesichts der Ereignisse so unwichtig wirkenden Sorgen und Gedanken, mit denen sich mein Kopf täglich beschäftigt, bieten.

Und damit erkenne ich mich sehr gut in jeder der drei Frauenfiguren wieder, die im Roman „Die Feuer“ von Claire Thomas (Grandios übersetzt von Eva Bonné) in einem klimatisierten Theater in Melbourne das Stück „Glückliche Tage“ von Samuel Beckett schauen. Währenddessen toben draußen vor der Stadt heftige, von einer Hitzewelle und Trockenheit angefachte Waldbrände, die die Stadt in eine apokalyptische Atmosphäre versetzen. Das ändert jedoch scheinbar nichts daran, dass Menschen ins Theater gehen und ein Stück über menschliche Grenzsituationen und die Tragikomödie unserer materialistischen, dem Verfall ausgesetzten Existenz anschauen.

„Ich kann unmöglich die Einzige hier drinnen sein, die sich über die Feuer da draußen Gedanken macht. Bestimmt sind wir viele. Oder vielleicht sind die anderen einfach weniger besorgt als ich.“

S. 103

Foto: Jelka Wickham

Worum geht es?

Summer, Ivy, und Margot. Drei Frauengenerationen, die hier zusammengeführt werden, und deren Sorge an diesem Abend ganz unterschiedlichen Lebensthemen (Häusliche Gewalt, unterschiedliche Privilegien, Familienzerwürfnisse und Geheimnisse, climate anxiety, Alltagsrassismus, Anthrozentrismus, die Liste ließe sich ewig weiterführen) gilt. In inneren Monologen, die gelegentlich vom Geschehen auf der Bühne oder der Struktur eines Theaterabends unterbrochen werden, erfahren wir, wie sie zu den Frauen geworden sind, als die sie an diesem Abend schließlich, wenn auch nur flüchtig, aufeinandertreffen.

Dabei gelingt es der Autorin, die erzählte Zeit auszudehnen und gleichzeitig die Erzählzeit an den Verlauf des Theaterstücks zu binden. Sie bricht mit konventionellen Erzählmustern und spielt hervorragend mit dem Zusammenfallen, Gegenlaufen und Weiterentwickeln von Temporalitäten und Themen im Theaterstück und in dem, was sie ihre Figuren denken und tun lässt. 

Das könnte sehr schnell akademisch und gekünstelt wirken, aber Claire Thomas schreibt so gut, dass ich es wirklich gerne gelesen habe und den Figuren sehr nahe gekommen bin.

Da ist Summer, Anfang 20, Generation Fridays for Future, die an einer Angststörung leidet, und deren Freundin April im Waldbrandgebiet feststeckt. Dann Ivy, Mitte 40, gesellschaftliche Aufsteigerin, die ihre Stellung, ihren Reichtum und daran hängende Privilegien sehr kritisch betrachtet, und mit der ich mich durch den tragischen Verlust eines Kindes sehr verbunden gefühlt habe. (Wenn ich in der Pause ein Glas Wein mit einer der drei Frauen hätte trinken wollen, dann mit Ivy). Und schließlich Margot, Mitte 60, Professorin, die mit einem in der Demenz gewalttätig werdenden Ehemann und mit den sich verändernden Erwartungen der Gesellschaft an eine alternde Frau umgehen lernen muss.

Ein Fazit

Ein Klima-Roman, der keiner ist, und wiederum doch. Ein Roman, der in unsere Zeit und zu unserem Umgang mit drohenden, absehbaren Katastrophen passt, der uns vorführt, zu welchen Preis wir unsere Normalität erkämpfen, und sei es für den Preis, dass wir ins Theater gehen, um einfach mal für zwei Stunden in Ruhe nachdenken zu können.

Ich habe das Buch bei Vorablesen.de gewonnen und erhalte keine Vergütung für diese Rezension. Die deutsche Übersetzung ist im Februar 2022 bei Hanser (München) erschienen. Der Originaltitel ist „The Performance“.

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