Rezension: „Die Gezeiten gehören uns“ von Vendela Vida

San Francisco Mitte der 1980er, vor der großen Gentrifizierung durch Silicon Valley: Eine Mädchenclique an der Schwelle zur Teenagerzeit, die erste verwirrende Erfahrungen mit der Liebe sammelt. Soweit so normal, wäre da nicht das Ereignis, an dem sich Freundschaften entzweien, und ein soghaftes Narrativ des Ausbrechens und Erwachsenwerdens in Bewegung gesetzt wird, und das die Frage stellt, wieviel Kontrolle wir über unsere eigene Geschichte haben.

In ihrem Buch „Die Gezeiten gehören uns“ entwirft Vendela Vida ein unwiderstehliches Panorama einer Stadt und einer Zeit im Umbruch, das neben einer gehörigen Portion Fernweh auch für ein verschämtes Wiedererkennen der ein oder anderen „teenage angst“ bei den ehemaligen Kindern der späten 80er und frühen 90er Jahre sorgen wird. Zunächst ist da Eulabee, Tochter einer schwedischen Mutter und eines amerikanischen Vaters, deren Familie auch ökonomisch etwas aus der Reihe fällt im wohlhabenden Viertel Sea Cliff. Und dann ist da Maria Fabiola, unerreichbar schön, mit einem gewinnenden Lachen und einer reichen, etwas mysteriösen Familie im Hintergrund. Beide gehören zu einer Clique von vier Mädchen, die sich wie die Königinnen durch die Straßen ihres Viertels bewegen. Eine gehörige Portion private school girl Selbstverständnis und die beginnende Ahnung einer körperlichen Macht über Jungs, aber auch Männer im Alter ihrer Väter, verleiht ihnen gesellschaftlichen Auftrieb in der lokalen Hierarchie. Auch im wörtlichen Sinne, denn wenn sie die im Titel referenzierten Gezeiten des sich am Fuße des Viertels brechenden Pazifiks durch geschicktes Klettern über die Felsen am Strand austricksen, wie es nur Mädchen aus Sea Cliff können, dann zollen ihnen sogar die Lehrer*innen Respekt.

Eines Tages jedoch passiert etwas, über das die Mädchen unterschiedliche Auffassungen haben, das von verschiedenen Seiten instrumentalisiert wird und schließlich eine Kette an Ereignissen in Bewegung setzt, die außer Kontrolle geraten scheint.


Foto: Jelka Wickham

Worum geht es?

Aus der Sicht von Eulabee erzählt, die zwar die Welt der Erwachsenen zunehmend durchschaut, aber für das hormonelle Auf und Ab der Gleichaltrigen und ihre eigenen Gefühle und Wünsche keinen Schlüssel hat, entfaltet sich eine Geschichte von verschwundenen Mädchen, wilden Spekulationen, Lügen und Wahrheiten, tragischen Heroinen und vermeintlich phantasielosen Erwachsenen. Letztere, das zeigt sich besonders im Verhalten eines arroganten Englischlehrers, sind durchschaubar und manipulierbar, wenn man ihnen Narrative vorsetzt, die ihre Realität und ihre Vorstellungen bedienen. Eulabee nimmt dabei eine spannende Rolle als Erzählerin ein, die Leser*innen wissen nicht mehr als sie, aber sie lässt uns, soweit sie ihr bewusst sind, auch an ihren Theorien über das, was sie sieht und erlebt, teilhaben. In einigen Dingen bleiben ihr selbst aber Dinge verborgen, besonders, was die Pubertät und die Fallstricke in Beziehungen zu Jungen angeht, und in solchen Momenten möchte man ihr am liebsten sagen „Es wird besser, glaube mir!“.

Der zentrale Konflikt entwickelt sich in der Freundschaft zwischen Eulabee und Maria Fabiola. Diese macht im Verlauf des Romans eine teenager-typische Entwicklung durch, in der sich Neid und Bewunderung füreinander, Konkurrenz und Kompliz*innenschaft so wunderbar abrupt und irrational abwechseln, dass man sich als Leserin sehr an die eigene Jugend und Freund*innenschaften erinnert fühlt – auf eine warme, aber auch gehörig schamhafte Weise, denn Scham ist auch in der Gefühlswelt der Protagonistinnen der dominante Gefühlszustand. Der Autorin ist es gelungen, für dieses Wechselbad sehr feinfühlige und glaubhafte Worte zu finden, ohne dabei auf Klischees oder Holzhammer-Vergleiche zurückgreifen zu müssen. Das macht den Unterschied zu „klassischer YA“ aus – dies ist ein literarischer Roman über die Jugend, der für Erwachsene geschrieben wurde.

„Ich stehe da am Rand des Meeres und lausche seinem lauten Atem. Und dann zieht es sich zurück und nimmt alles aus meiner Kindheit mit – die Porzellanpuppen, die Stepptanzschuhe, die abgerissenen Konzertkarten, die winzigen Trophäen und die lange, lange Schaukel.“

S. 255

Weitere behandelte Themen sind der Drang, irgendwo dazuzugehören und gleichzeitig eine eigenständige Person mit einer Eigenschaft zu sein, das Schlingern zwischen Kindheit und Jugend, und damit zwischen Zuneigung und Abgrenzung gegenüber der Familie und Kindheitstraditionen. Bemerkenswert beschrieben ist auch die relative Gleichmütigkeit der in den späten 1960ern und frühen 1970ern sozialisierten Elterngeneration, die es anders machen wollte als ihre eigenen Eltern. Die stranger-danger panic setzte erst einige Jahre später ein, aber die Mädchen wissen instinktiv, wo Gefahren drohen, reale oder imaginäre, und die Vorstellung, dass etwas passieren kann, wenn man sich mit den „falschen“ Leuten einlässt, gibt ihnen einerseits die Macht, Grenzen auszutesten. Andererseits sind ihre Möglichkeiten, sich gegen von außen aufgezwungene Veränderungen oder auch Übergriffe zu wehren aufgrund ihres jungen Alters doch noch sehr gering.

Eine zweite Ebene der Veränderung wird durch die sich wandelnde Umwelt und den ökonomischen Aufstieg der Nachbarschaft, auch im Vergleich zu anderen Vierteln in San Francisco, eingeführt. Am Ende blickt die Erzählerin Eulabee, jetzt selbst Mutter, auf ihre Jugend in Sea Cliff zurück, und wie die Ereignisse und ihr Aufwachsen dort ihr Leben als junge Erwachsene geprägt haben. Die Erkenntnis, dass sich die äußeren Veränderungen auch damals schon ankündigten und auf ihre Entwicklung einwirkten, geht mit dem schmerzhaften Eingeständnis eines Verlusts, nämlich das der unbeschwerten Jugendtage einher. Und dem Zugeständnis, das wir die Kontrolle über unseren Lebensweg zu einem gewissen Grad abgeben müssen – ganz gleich ob der Weg, den das Leben für uns wählt, in unsere Geschichte über uns selbst passt, oder nicht.

Ein Fazit

Ein Roman zum Versinken und für die kurzzeitige Ablenkung von den Problemen unserer Zeit wie gemacht. Die Sprache ist auch in der phantastischen Übersetzung von Monika Baark wunderbar fließend und soghaft wie ein Gezeitenstrom (ich hatte den Roman bereits auf Englisch gelesen und bin begeistert!). Alles in allem eine große Leseempfehlung!

Ich habe das Buch bei Vorablesen.de gewonnen und erhalte keine Vergütung für diese Rezension. Die deutsche Übersetzung von Monika Baark ist im Februar 2022 im Verlag Hanser Berlin erschienen. Der Originaltitel lautet „We Run the Tides“ und ist 2021 bei Ecco (New York) erschienen.

2 Kommentare zu „Rezension: „Die Gezeiten gehören uns“ von Vendela Vida

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