Allegra Hyde: Eleutheria

Das Debüt von Allegra Hyde verbindet gekonnt die Geschichte der Suche nach einem idealistischen Utopia als Neustart für die krisengeschüttelte Welt des 21. Jahrhunderts mit einer darin wiederhallenden postkolonialen Erzählung von Besetzung, Ausbeutung, und Niedergang.

Die Menschheit befindet sich auf der zwielichtigen Grenze des ökologisch gerade noch so Lebenserhaltenden, gepaart mit dem goldenen Zeitalter des Turbo-Überwachungskapitalismus – so beschreibt die Erzählstimme in Allegra Hydes erstaunlichem Debüt die nicht ganz so ferne Zukunft, in der sich die Hauptfigur Willa der Entzauberung ihrer eigenen Ideale und dem Erwachsenwerden in ebenjenem Zwielicht stellen muss.

Willa ist verwaist, denn ihre Eltern haben nach Jahren des Rückzugs als Aussteiger, Bunkerbauer und Verschwörungstheoretiker ihrer Angst vor dem Ende der Welt nachgegeben und ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt. So abrupt verlassen fällt sie in eine Gesellschaft hinein, die nicht nur ex-Aussteiger*innen schwer zu schaffen macht: Pandemien, Klimawandel, korrumpierte Macht, eine nie gekannte Überwachung der Gesellschaft und die Eskapaden einer uns leider allzu bekannt vorkommenden erratisch-manisch handelnden politische Führung haben die Gesellschaft fragmentiert, entrechtet, in Armut gestürzt. Ganze Vogelschwärme fallen hitzegeplagt vom Bostoner Himmel. Wer kann Willa angesichts dieser Welt einen Vorwurf daraus machen, dass sie sich auf der Suche nach einem Utopia, nach Hoffnung, ein bischen verrennt?


Foto: Jelka Wickham

Worum geht es?

Willas Geliebte Sylvia ist eine Harvardprofessorin, die zu (Achtung!) sozialen Bewegungen forscht und aus Willas Sicht die Personifikation der Hoffnung, des Glaubens an das Gute. Wenn jemand eine Revolution starten kann, dann Sylvia. Doch nach einem schmerzhaften Verrat fällt Willa in Sylvias Bibliothek ein vor ambitionierten Klima-Lösungen und Selbstbewusstsein nur so strotzendes Manifest mit dem Titel Living the Solution in die Hände.

Ein bischen naiv und mit sehr viel Idealismus, aber auch ohne echte Alternativen, macht Willa sich auf den Weg nach Eleutheria, einer Insel in der Karibik, auf der die in Living the Solution skizzierte Utopie entsteht, ein Ökodorf namens Camp Hope. Eigenes Windrad, Solaranlage, hydroponische Tanks und Müllsammeln am Strand inklusive. Mit dem geplanten öffentlichen launch will eine Gruppe geläuterter Idealist*innen und Wissenschaftler*innen um den charismatischen Leiter und Autor des Manifests, Roy Adams, eine globale Transformation anstoßen. Der Name Camp Hope ist nicht zufällig gewählt – die Währung und der Wetteinsatz sind nichts weniger als Hoffnung für die gesamte Menschheit. Roy Adams ist ein asketischer ex-Militär mit einer typisch amerikanisch inszenierten ‚climate awakening story‘ und der Gabe, Gelegenheiten und Großspender beim Schopf zu packen, wenn sie sich ergeben. Doch geht alles in Camp Hope mit rechten Dingen zu? Und was ist Willa bereit zu akzeptieren und zu tun, um die Utopie zu verwirklichen?

„I believed Sylvia was brave enough to ignore the risks. To me, she remained the woman-in-black: courageous and infinitely capable.“

S. 237f.

Eine zweite Erzählebene bricht die lineare und damit in manchen Aspekten nicht sehr überraschende Camp Hope Erzählung auf. Eine Gruppe Religionsflüchtlinge aus dem alten Europa landet zu Beginn der Kolonisierung des nordamerikanischen Kontinents auf der Insel. Kolonisierung und Sklaverei nehmen ihren Lauf… Der Autorin gelingt so auf fantastische Weise eine Verbindung des Weltretter-Komplexes der utopischen Gemeinschaft einige Jahrhunderte später mit dem Erbe ihrer geistigen Vorfahren.

Damit stellt der Roman auf spannende Art und Weise die komplexe Frage nach der Dekolonisierung des „Klimarettungsgeschäfts“. Wem helfen Projekte wie das fiktive Camp Hope oder reale CO2-Ausgleichsprojekte in ehemals kolonisierten Ländern wirklich? Muss das mit der Klimakrise nicht anders gelöst, der Prozess der Weltrettung dekolonisiert werden, und in die Hände der Nachfahren der Ausgebeuteten, Entrechteten gegeben werden?

Ein Fazit

Ich habe Willa im Lauf der Geschichte ins Herz geschlossen. Vielleicht, weil ich ihre unbegrenzte Hoffnung und ihren wütenden Idealismus manchmal an mir selbst vermisse, weil ich wünschte, ich könnte mich auch so überzeugt kompromisslos für „die gute Sache“ einsetzen. In gewisser Weise bekommen wir durch ihre Augen einen Blick darauf, was wir jetzt für diejenigen, die heute noch Kinder sind, tun müssen damit die Zukunft einigermaßen erträglich wird.

Also: Absolute Leseempfehlung, und an Verlagsmenschen aus dem deutschsprachigen Raum die herzliche Bitte, diesem tollen Debüt eine Chance zu geben und es zu übersetzen! Ich weiß, Risiken und so, aber das ist einfach ein so zeitgemäßer Roman, der für die For Future Generation geschrieben ist, und dem hierzulande auch gerne ein paar mehr Leser*innen zu wünschen wären.

Recommended if you like: Das Weibliche Prinzip (The Female Persuasion) von Meg Wolitzer, den Schreibstil von Lily King, ikonoklastische plot twists, insulare Ensemble-Geschichten (keiner kann so richtig weg), Terrarien.

Ich habe das Buch selbst gekauft und erhalte keine Vergütung für diese Rezension. Das Buch ist im März 2022 bei Vintage Books (New York) erschienen.

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