Diane Cook: Die Neue Wildnis

Eine Gruppe von Menschen lebt fernab der Gesellschaft im letzten großen unberührten Fleck Wildnis, ganz auf sich gestellt und den Kräften der Natur schutzlos ausgeliefert – und ihren eigenen Eitelkeiten. Ist das nun dystopisch oder utopisch – oder erübrigt sich diese Frage?

Bea und ihre junge Tochter Agnes haben sich einer kleinen Gruppe Auserwählter angeschlossen, die mit Erlaubnis der Behörden in der ansonsten streng vor menschlichem Einfluss geschützten Wildnis irgendwo auf dem amerikanischen Kontinent leben darf. Das Experiment hat zum Ziel, herauszufinden, ob die Menschheit noch im Einklang mit der Natur leben kann, ohne diese auszubeuten und ihr zu schaden. Die Teilnahme hat das Leben der schwerkranken Agnes gerettet. Denn „die Stadt“, quasi der Gegenraum zur Neuen Wildnis, ist von Smog geplagt, die Kindersterblichkeit ist hoch, und mithilfe eines Überwachungsapparats reglementiert der Staat die Verteilung äußerst knapper Ressourcen: Luft, Lebensraum, Nahrung.

In der Wildnis hingegen darf die Gruppe sich nehmen, was sie zum Überleben braucht. Dieser privilegierte Zugang zu Pflanzen, Tieren, Raum, frischer Luft und sauberem Wasser hat ihren Preis. Ranger bewachen die Wildnis und die Durchsetzung der Regeln des Experiments. Hinzu kommt, dass die Gruppe zunehmend irritierende Entwicklungen wahrnimmt: Müllreste der Zivilisation tauchen unvermittelt mitten im Naturreservat auf, und die Ranger schicken die Gruppe scheinbar willkürlich auf gefährliche Wanderungen quer durch das nur schlecht erschlossene und dilettantisch kartografierte Gebiet.

Vor diesem Panorama werden in der Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Agnes und Bea die großen Themen des Erwachsenwerdens und des Abnabelns verhandelt. Diane Cook hat mit Bea eine widersprüchliche, wütende, auch wankelmütige Mutterfigur geschaffen, in der deutlich wird, dass Eltern, angesichts der Brutalität der Welt und selbst auf Schutz angewiesen, eigentlich unmögliche Entscheidungen für sich und ihre Kinder treffen müssen.

„Bea und Glen deckten sich mit ihrem Elchfell zu. Agnes legte sich, wie sie es immer tat, an ihre Füße. Ihre Hand schlang sich um Beas Knöchel wie eine Ranke.“

S. 22


Was erwartet Leser*innen?

Die Neue Wildnis ist eine langsam erzählte Geschichte der Annäherung der Menschen an eine wilde, gefährliche, aber auch abenteuerliche Natur. Durch alles zieht sich die fast schon mystische Erhebung der Unberührtheit der Umwelt. Die extreme und streng verfolgte Regel, keine Gegenstände und im wörtlichen Sinne keinen Fußabdruck auf der Erde zu hinterlassen, wirkt wie eine komisch-absurde Zuspitzung aktueller Diskussionen über die Nutzung natürlicher Ressourcen und Lebensräume. Der Roman stellt die Frage, wie Menschen unter diesen Umständen noch minimalen Gestaltungsmacht über ihren Lebensraum, ihren Platz in der Welt und ihre Beziehungen untereinander erhalten können.

Es sind kleine Szenen wie die folgende, mittels derer Cook die Regelhörigkeit auf die Spitze treibt: Eine heimlich mitgebrachte goldumrandete Teetasse wird beim abendlichen Geschichtenerzählen am Feuer herumgereicht. Eines Tages zerschellt diese Tasse in einem fürchterlichen Unfall eines Gruppenmitglieds mit diesem gemeinsam an einem Felsen. Für einige wiegt die Sorge schwer, dass die Scherben von den Rangern entdeckt werden könnten, schwerer als der Verlust des Gruppenmitglieds. Nicht alle kommen mit dieser Unterwerfung unter die Regeln zurecht. Es kommt zu Spannungen, die im Verlauf der Geschichte Abhängigkeiten erzeugen, Loyalitäten testen, und Machtansprüche aufzeigen.

Die Gruppendynamik unter den auserwählten „survivalists“ trägt die Handlung voran. Wer eine handlungsgetriebene Geschichte oder an science fiction angelehnte Lösungen für eine globale Krise erwartet, wird enttäuscht werden. Diese Geschichte wird durch ihre Charaktere und ihre Auseinandersetzung mit ihrer herausfordernden Situation getragen und lebt von der Hingabe für die Idee eines unabhängigen, freien Lebens – und von Hoffnung. Jener der „Auserwählten“, und jener der in der hoffnungslosen Stadt Zurückgebliebenen, denen die Luft zum Atmen Stück für Stück genommen wird.

Ein Fazit

Unwillkürlich musste ich beim Lesen an die in den letzten Jahren in Mode gekommenen Naturerzählungen denken, die teilweise ein arg romantisches Bild der unberührten Natur und des Menschen in ihr malen. Diane Cook verfällt dieser Versuchung nicht. Menschen sterben in diesem Roman, und sie sterben gewaltvoll, das sollten zartbesaitete Leser*innen vorab wissen. Der Roman beginnt mit einer kraftvoll geschriebenen, unbeschönigten Szene einer Totgeburt, das müsste vom Verlag eigentlich mit einer Triggerwarnung versehen werden. Einige Nebenfiguren blieben für mich etwas blass, und das 538 Seiten lange Buch hatte zwischendurch „kleinere Längen“, ich bin aber vom berührenden Ende restlos eingefangen worden und habe sogar ein paar Tränen vergossen.

Recommended if you like: Social Science Fiction, Ursula K. Le Guin, Charlotte McConaghy, schwierige Mutter-Tochter-Beziehungen.

Das Leseexemplar wurde mir freundlicherweise vom Bloggerportal und dem Verlag zur Verfügung gestellt. Ich erhalte keine Vergütung für diese Rezension. Die deutsche Erstausgabe ist im Mai 2022 im Heyne Verlag erschienen, übersetzt von Astrid Finke (Originaltitel „The New Wilderness“).

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